Seite 10-11 - Zu hoch gepokert?

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Angefangen hat alles kurz nach meinem 18. Geburtstag. Habe einen Nebenjob in einer Spiel-
halle angenommen. Am Anfang war das perfekt, ich hatte wenig zu tun, die meiste Zeit habe
ich während der Arbeit für die Schule gelernt. Warum da Typen saßen, die ihr ganzes Geld
verdaddelt haben, konnte ich echt nicht verstehen. Hatte eher Mitleid mit ihnen, wenn sie ihre
letzten Cents zusammengekratzt haben. Aber manchmal haben auch welche gewonnen, dann
gab es immer richtig viel Trinkgeld.
Irgendwie bin ich dann neugierig geworden und habe es selber mal probiert. An einem
Automaten, an dem schon ewig keiner mehr gewonnen hatte. Und ich habe wirklich gleich
das allererste Spiel gewuppt. 50 Euro – das war nicht die Welt, aber einfach verdiente Kohle.
Habe es danach immer mal wieder probiert, mal habe ich verloren, mal ein bisschen gewonnen.
Alles im Rahmen, nix Dramatisches.
Nach einem halben Jahr fiel mir dann aber das erste Mal auf, dass ich nicht nur nach und vor
meinen Schichten dort saß, sondern Ausreden für mich selbst erfand, um auch in meiner Frei-
zeit bei der Halle vorbeizugehen – um Stammkunden zu begrüßen oder ′ne schnelle Cola zu
trinken. Nur aus dem „schnell mal“ wurden meist mehrere Stunden, und statt zu reden oder
Cola zu trinken, habe ich wie eine Wahnsinnige gespielt. Ganz schön traurig , wenn ich auf
mein Leben blicke. Abitur? Momentan ist nicht dran zu denken, muss die 11. Klasse gerade
wiederholen. Freunde? Sind nicht mehr viele übrig , weil ich so gut wie allen von
ihnen Geld schulde. Nur meine Mutter steht noch zu mir. Wenn sie
allerdings wüsste, wie oft ich schon an ihrer Geldbörse war,
würde sie mich wahrscheinlich rauswerfen. Ich glaube,
ich brauche Hilfe, alleine packe ich das nicht!
Erfahrungsbericht
Nadine, 19 Jahre, Potsdam, Schülerin
Entwicklung
der Glücksspielsucht
Wenn die ersten Rubel rollen…
Die ersten Gewinne – egal, ob kleine oder größere Geldbeträge – werden oft als persönlicher Erfolg
gewertet. Schnell wird das Glück im Spiel mit der eigenen Leistungsfähigkeit gleichgesetzt. Das schöne
Gefühl, z. B. den Automaten überlistet zu haben, verführt zu immer höheren Einsätzen. Warum sollte
es nicht auch beim nächsten Mal klappen? Scheinbar ist alles noch unter Kontrolle. Das anfänglich
moderate Freizeit-Zocken entwickelt sich nun zu regelmäßigen Besuchen in der Spielhalle.
Wenn das Spiel zur Gewohnheit wird…
Langsam nehmen die Einsätze, die Häufigkeit und die Dauer zu. Immer öfter drehen sich die Gedanken
um das nächste Spiel. Die Risikobereitschaft wird größer, gleichzeitig wird das Spiel vor Freunden und
Familie verheimlicht. Das Glücksspiel gewinnt an Eigendynamik und soll Alltagssorgen vergessen lassen.
Doch das Gegenteil tritt ein. Das scheinbare Glück verlässt einen, die Schulden beginnen zu wachsen,
und das Spielen auf Pump beginnt.
Wenn das Spiel zur Sucht wird…
Die Spieler/-innen sind nun nicht mehr in der Lage, ihr Verhalten zu steuern. Immer öfter kommt
es zum Totalverlust des gesamten Einsatzes. Die Spieler/-innen werden von der Vorstellung getrieben,
ihr Geld zurückgewinnen zu müssen – koste es, was es wolle – bis hin zu den ersten Straftaten. Die
mittlerweile krankhaft Spielenden versprechen sich selbst und ihremUmfeld immer wieder, das Glücks-
spiel zu beenden. Das Scheitern führt zu Selbstverachtung und Verzweiflung. Die Abwärtsspirale dreht
sich unaufhörlich weiter – mit oft verheerenden beruflichen, privaten und finanziellen Folgen.